Schweißtechnik

WIG- und Orbitalschweißen von Edelstahl: Wann welches Verfahren?

Edelstahlrohre lassen sich auf mehreren Wegen sauber und dauerhaft verbinden, am häufigsten mit dem WIG-Verfahren, entweder handgeführt oder als mechanisiertes Orbitalschweißen. Beide beruhen auf demselben physikalischen Prinzip, unterscheiden sich aber deutlich in Reproduzierbarkeit, Wirtschaftlichkeit und Einsatzbereich. Dieser Ratgeber zeigt, wann welches Verfahren sinnvoll ist und worauf es beim WIG-Schweißen von Edelstahlrohren besonders ankommt.

Zwei Verfahren, ein Grundprinzip

Das WIG-Schweißen (Wolfram-Inertgas, international TIG) arbeitet mit einer nicht abschmelzenden Wolframelektrode. Der Lichtbogen brennt unter inertem Schutzgas, in der Regel Argon, und schmilzt den Grundwerkstoff auf; der Zusatzwerkstoff wird, wenn nötig, von Hand zugeführt. Das Verfahren ist präzise, spritzerarm und gut kontrollierbar und eignet sich deshalb besonders für dünnwandige Rohre und hochlegierte Stähle.

Das Orbitalschweißen nutzt denselben WIG-Lichtbogen, führt den Brenner aber mechanisiert und ohne Unterbrechung 360 Grad um das feststehende Rohr. Sämtliche Parameter, Stromstärke, Pulsung, Vorschub, Lichtbogenlänge, sind programmiert und werden meist in Sektoren über den Umfang verteilt, weil der Wärmeeintrag in Wannen-, Steig- und Fallposition unterschiedlich sein muss. Unterschieden werden im Wesentlichen:

  • Geschlossene Schweißköpfe kapseln das Rohr vollständig (typischerweise bis etwa 75 mm Durchmesser), schützen die Naht außen vor Oxidation, arbeiten aber ohne Zusatzwerkstoff.
  • Offene Schweißköpfe lassen wechselnde Durchmesser und Zusatzdraht zu und ermöglichen eine Fugenvorbereitung mit Spalt oder U-Naht.
  • Schienengeführte Systeme decken große Durchmesser ab und erlauben Mehrlagenschweißungen.

WIG oder Orbital: Wann welches Verfahren?

Die Entscheidung hängt weniger vom Werkstoff ab, beide Verfahren schweißen austenitische und Duplex-Edelstähle, als von Stückzahl, Zugänglichkeit, Nahtvorbereitung und Dokumentationspflicht. Manuelles WIG-Schweißen punktet überall dort, wo Flexibilität gefragt ist; das Orbitalschweißen spielt seine Stärke bei gleichbleibenden, reproduzierbaren Nähten in Serie aus.

Manuelles WIG-Schweißen ist sinnvoll bei:

  • Einzelstücken, Kleinserien und Reparaturen
  • beengten Montagepositionen und schwer zugänglichen Anschlüssen
  • Abzweigen, Einschweißungen (Tie-ins) und unregelmäßiger Geometrie
  • wechselnden Durchmessern und Wandstärken auf der Baustelle

Orbitalschweißen ist sinnvoll bei:

  • vielen gleichartigen Rundnähten in der Vorfertigung
  • hohen Anforderungen an Reproduzierbarkeit und lückenlose Dokumentation
  • dünnwandigen, sauber zugeschnittenen Rohren mit engen Toleranzen
  • Anwendungen in Pharma-, Lebensmittel-, Chemie- und Halbleitertechnik
KriteriumManuelles WIG-SchweißenOrbitalschweißen (WIG)
Automatisierungsgradhandgeführtmechanisiert, programmgesteuert
Reproduzierbarkeitabhängig vom Schweißerhoch, parametergesteuert
StückzahlEinzel- und KleinserieSerie und Vorfertigung
Zugänglichkeitflexibel, auch enge RäumeFreiraum für den Schweißkopf nötig
Nahtvorbereitungtoleranter gegenüber Spalt und Versatzenge, gleichmäßige Toleranzen erforderlich
Zusatzwerkstofffrei zuführbaroffener Kopf nötig für Draht
DokumentationmanuellParameterprotokoll je Naht
Schutzgasverbrauchtendenziell höhertendenziell geringer

In der Praxis schließen sich beide Verfahren nicht aus: Häufig wird so viel wie möglich orbital vorgefertigt und der Rest auf der Baustelle von Hand verschweißt. Mehr zum handgeführten Verfahren finden Sie unter WIG-Schweißen.

Wurzelschutz und Formieren bei Edelstahl

Der eigentliche Knackpunkt bei Edelstahl liegt nicht im Lichtbogen, sondern auf der Rohrinnenseite. Die Korrosionsbeständigkeit beruht auf einer dünnen, chromreichen Passivschicht. Wird diese beim Schweißen durch Sauerstoffzutritt geschädigt, entstehen Anlauffarben, und mit ihnen sinkt die Beständigkeit, im ungünstigen Fall bis hin zu Lochkorrosion an der Wurzel.

Damit das nicht passiert, wird der Rohrinnenraum formiert, also mit einem Wurzelschutzgas gespült. Gebräuchlich sind:

  • Argon, inert, neutral, breit einsetzbar
  • Stickstoff oder Stickstoff-Wasserstoff-Gemische (Formiergas im engeren Sinn) mit reduzierender Wirkung
  • Argon-Wasserstoff-Gemische für eine zusätzlich reduzierende, blanke Wurzel
  • Argon-Stickstoff-Gemische, unter anderem bei Duplexstählen

Entscheidend ist das Vorspülen: Vor dem Zünden muss die Luft, und damit der Sauerstoff, aus dem Rohr verdrängt werden. Der Restsauerstoffgehalt lässt sich messen und protokollieren; je nach Anforderung werden niedrige Werte verlangt, die im Einzelfall festzulegen sind (Stand 2026, im Einzelfall prüfen). Helle, stroh- bis goldgelbe Anlauffarben gelten je nach Spezifikation noch als tolerierbar, dunkelblaue, graue oder schwarze Verfärbungen in der Regel nicht. Welche Stufe akzeptiert wird, hängt von Werkstoff und Anwendung ab und sollte vorab vereinbart werden. Genau hier zeigt das geschlossene Orbitalverfahren einen Vorteil, weil die Naht rundum unter Schutzgas entsteht.

Normen und Qualitätssicherung

Edelstahlnähte im Rohrleitungsbau sind kein Selbstzweck, sie müssen nachweisbar einer vereinbarten Güte entsprechen. Die zentrale Norm für die Bewertung ist DIN EN ISO 5817, die Unregelmäßigkeiten in den Bewertungsgruppen B, C und D einstuft; B steht für die höchsten Anforderungen. Welche Gruppe gilt, ergibt sich aus der Anwendung und wird vertraglich oder über die anzuwendende Bauteilnorm festgelegt.

NormInhalt
DIN EN ISO 5817Bewertungsgruppen (B/C/D) für Unregelmäßigkeiten
DIN EN 13480Metallische industrielle Rohrleitungen
DIN EN ISO 3834Qualitätsanforderungen Schmelzschweißen (Teile 2 bis 4)
EN ISO 9606-1Prüfung von Schweißern (Stahl)
DIN EN ISO 14732Prüfung von Bedienern mechanisierter Anlagen
DIN EN ISO 14731Schweißaufsicht

Wichtig ist das Zusammenspiel: Die Bauteilnorm DIN EN 13480 für industrielle Rohrleitungen verweist auf die Qualitätsanforderungen nach DIN EN ISO 3834, die je nach Stufe (Teil 2 umfassend, Teil 3 Standard, Teil 4 elementar) den organisatorischen Rahmen vorgeben. Dazu gehören qualifizierte Schweißer nach EN ISO 9606-1, qualifizierte Bediener von Orbitalanlagen nach DIN EN ISO 14732, eine benannte Schweißaufsicht nach DIN EN ISO 14731 sowie geprüfte Schweißanweisungen (WPS/WPQR). Für druckführende Anlagen kommen die Anforderungen der Druckgeräterichtlinie hinzu; der konkrete Umfang ist projektabhängig zu prüfen. Bei hygienischen Anwendungen treten branchenspezifische Regelwerke wie ASME BPE oder EHEDG-Leitlinien hinzu.

Vorfertigung und Montage im Rohrleitungsbau

Im realen Projekt entscheidet selten ein einzelnes Verfahren über das Ergebnis, sondern die Kombination aus Planung, Vorfertigung und Montage. Gerade bei Edelstahl zahlt es sich aus, möglichst viele Nähte unter kontrollierten Bedingungen in der Werkstatt vorzufertigen, dort lassen sich Formieren, Parameter und Dokumentation zuverlässiger steuern als auf der Baustelle.

  • Spool-Fertigung (vormontierte Rohrabschnitte) orbital schweißen, wo Geometrie und Stückzahl es zulassen
  • Anschluss-, Schluss- und Korrekturnähte vor Ort manuell mit WIG ausführen
  • Wurzelschutz, Restsauerstoff und Bewertungsgruppe je Naht festlegen und protokollieren
  • Sicht- und gegebenenfalls zerstörungsfreie Prüfung in den Ablauf einplanen

So entsteht eine belastbare Mischung: die Reproduzierbarkeit des Orbitalschweißens dort, wo sie wirtschaftlich ist, und die Flexibilität des handgeführten Verfahrens überall sonst. Den planerischen Rahmen dazu liefert ein durchgängiger Rohrleitungsbau, in dem Werkstoffauswahl, Schweißfolge und Prüfung von Anfang an zusammengedacht werden.

Häufige Fragen

Lässt sich jedes Edelstahlrohr orbital schweißen?

Grundsätzlich eignen sich austenitische und Duplex-Edelstähle gut für das Orbitalschweißen, ebenso anspruchsvolle Werkstoffe wie Nickellegierungen oder Titan. Voraussetzung sind allerdings saubere, maßhaltige Rohrenden, passende Wandstärken und ausreichend Freiraum für den Schweißkopf. Wo diese Bedingungen fehlen, etwa bei engen Anschlüssen oder stark wechselnder Geometrie, ist das handgeführte WIG-Schweißen die bessere Wahl.

Warum sind Anlauffarben ein Problem?

Anlauffarben zeigen an, dass die chromreiche Passivschicht durch Sauerstoffzutritt geschädigt wurde. In diesem Bereich ist die Korrosionsbeständigkeit herabgesetzt, sodass Edelstahl an der Wurzel angreifbar wird. Helle Gelbtöne sind je nach Spezifikation noch tolerierbar, dunkle Verfärbungen meist nicht, die zulässige Stufe sollte vorab vereinbart werden.

Brauchen wir für Edelstahlnähte immer Formiergas?

Für vollwertige, korrosionsbeständige Nähte an austenitischen und höherlegierten Stählen ist ein Wurzelschutz praktisch immer erforderlich, weil die Innenseite nach dem Schweißen nicht mehr zugänglich ist. Ohne Formieren entstehen Anlauffarben und im schlechten Fall Verzunderung an der Wurzel. Art des Gases und Restsauerstoff richten sich nach Werkstoff und Anforderung.

Was ist wirtschaftlicher, WIG oder Orbital?

Das hängt von der Stückzahl ab. Für viele gleichartige Nähte in der Vorfertigung amortisiert sich der Aufwand für die Orbitaltechnik durch Tempo, gleichbleibende Qualität und geringeren Schutzgasverbrauch. Bei Einzelstücken, Reparaturen oder schwer zugänglichen Stellen ist handgeführtes WIG-Schweißen meist schneller und flexibler.

Schweißarbeiten mit MKH umsetzen

Ob handgeführtes WIG-Schweißen, Orbitaltechnik in der Vorfertigung oder die Kombination aus beidem, entscheidend ist, dass Verfahren, Werkstoff und Prüfumfang zum Projekt passen. MKH plant und fertigt Edelstahlrohrleitungen für die Prozessindustrie und legt Wurzelschutz, Schweißfolge und Dokumentation von Anfang an sauber aus. Schildern Sie uns Ihr Vorhaben über das Kontaktformular, wir prüfen, welches Verfahren für Ihre Anlage das richtige ist.