Wer druckführende oder sicherheitsrelevante Rohrleitungen schweißt, muss nachweisen, dass die Person an der Naht ihr Handwerk beherrscht. Genau das regelt die Schweißerprüfung EN ISO 9606. Dieser Ratgeber erklärt, was geprüft wird, wie der Geltungsbereich zustande kommt, wie lange eine Prüfung gilt, und was sich mit der für 2026 geplanten Neufassung der Norm ändert.
Was die Schweißerprüfung nach EN ISO 9606 regelt
Die EN ISO 9606 prüft die handwerkliche Fertigkeit des Schweißers, also die Fähigkeit, eine Naht von Hand normgerecht auszuführen. Sie sagt nichts darüber aus, ob das verwendete Schweißverfahren grundsätzlich taugt; das ist Sache der Verfahrensprüfung. Und sie ist von der Bedienerprüfung mechanisierter Anlagen zu unterscheiden. Diese drei Nachweise greifen ineinander, beantworten aber unterschiedliche Fragen:
- Verfahrensprüfung (WPS/WPQR, EN ISO 15614): Funktioniert das Schweißverfahren reproduzierbar?
- Schweißerprüfung (EN ISO 9606): Beherrscht die Person das handgeführte Schweißen?
- Bedienerprüfung (EN ISO 14732): Kann jemand eine mechanisierte oder automatisierte Schweißanlage einrichten und bedienen?
Für den industriellen Rohrleitungsbau, in dem viel von Hand mit dem WIG-Verfahren gearbeitet wird, ist die EN ISO 9606 der zentrale Personalnachweis. Sie wird von übergeordneten Regelwerken eingefordert, etwa im Stahlbau über die EN 1090, im Druckgerätebereich über die Druckgeräterichtlinie und ihre harmonisierten Normen.
Die Teile der Normenreihe
Die EN ISO 9606 ist nach Werkstoffgruppen gegliedert. Für Stähle, und damit für den Großteil des Rohrleitungs- und Anlagenbaus, gilt Teil 1.
| Norm-Teil | Werkstoffbereich | Typische Anwendung |
|---|---|---|
| EN ISO 9606-1 | Stähle (un-, niedrig- und hochlegiert, inkl. Edelstahl) | Rohrleitungs-, Apparate- und Stahlbau |
| EN ISO 9606-2 | Aluminium und Aluminiumlegierungen | Leichtbau, Behälter |
| EN ISO 9606-3 | Kupfer und Kupferlegierungen | Sonderanwendungen |
| EN ISO 9606-4 | Nickel und Nickellegierungen | Chemie, hochkorrosive Medien |
| EN ISO 9606-5 | Titan, Zirkonium und Legierungen | Sonderwerkstoffe |
Maßgeblich ist jeweils die gültige Ausgabe; für Stähle ist das in Deutschland die DIN EN ISO 9606-1 in der Fassung 2013-12 (Stand 2026, im Einzelfall prüfen). Wichtig dabei: Hier geht es um die handgeführte Schweißerprüfung, nicht zu verwechseln mit der älteren Bezeichnungssystematik früherer Normen.
Der Geltungsbereich: das Herzstück der Prüfung
Eine Schweißerprüfung gilt niemals pauschal „für alles", sondern nur innerhalb eines klar definierten Geltungsbereichs. Das Prüfstück bildet stellvertretend einen bestimmten Anwendungsfall ab, und aus diesem leitet die Norm ab, welche weiteren Fälle mit abgedeckt sind. Bestimmt wird der Geltungsbereich durch mehrere Variablen:
- Schweißprozess nach EN ISO 4063 (z. B. 141 für WIG, 111 für E-Hand, 135 für MAG), jeder Prozess muss separat geprüft werden.
- Produktform: Blech (P) oder Rohr (T). Eine Rohrprüfung deckt in der Regel auch Blech ab, umgekehrt nicht ohne Weiteres.
- Nahtart: Stumpfnaht (BW) oder Kehlnaht (FW).
- Zusatzwerkstoffgruppe (FM1 bis FM6): ordnet den Schweißzusatz ein; austenitischer Edelstahl liegt etwa in Gruppe FM5.
- Abmessungen: Werkstoffdicke und, beim Rohr, Außendurchmesser, jeweils mit einem davon abgeleiteten Gültigkeitsbereich.
- Schweißposition nach EN ISO 6947 (z. B. PA, PC, PF, H-L045), anspruchsvolle Positionen decken einfachere mit ab.
- Nahtdetails: mit oder ohne Wurzelunterlage (mb/nb), ein- oder beidseitig geschweißt.
Das Prinzip dahinter: Wer das Schwierigere prüft, deckt das Einfachere mit ab. Eine in steigender Position geschweißte Rohr-Stumpfnaht ohne Badsicherung schließt deshalb einen breiten Bereich einfacherer Fälle ein. Die genauen Bereichsgrenzen stehen in den Tabellen der Norm und sind im Einzelfall zu prüfen.
Ablauf: Prüfstück, Prüfung und Bescheinigung
Die Prüfung folgt einem festen Ablauf. Der Schweißer fertigt unter Aufsicht ein oder mehrere Prüfstücke nach einer gültigen Schweißanweisung (WPS). In Wurzel- und Decklage muss jedes Prüfstück eine Unterbrechung mit anschließendem Neuansatz aufweisen, genau dort zeigt sich handwerkliches Können besonders deutlich.
Anschließend wird das Prüfstück geprüft:
- Sichtprüfung: immer verpflichtend; die Naht muss die geforderte Bewertungsgruppe einhalten.
- Durchstrahlungsprüfung (RT) oder alternativ Biege- bzw. Bruchprüfung: weist innere Unregelmäßigkeiten nach.
- Makroschliff: insbesondere bei Kehlnähten zur Beurteilung der Durchschweißung.
Bestanden wird die Prüfung, wenn die zulässigen Grenzwerte für Unregelmäßigkeiten, in Anlehnung an DIN EN ISO 5817, eingehalten sind. Die Prüfstelle stellt dann eine Prüfungsbescheinigung mit einer normierten Benennung aus, die den gesamten Geltungsbereich verschlüsselt. Schematisch sieht eine solche Benennung etwa so aus: ISO 9606-1 141 T BW FM5 S t3,6 D60 PH ss nb, also WIG-Schweißen, Rohr, Stumpfnaht, Zusatzwerkstoffgruppe FM5, Wanddicke und Durchmesser, Position und Nahtdetails. Wer die Benennung lesen kann, erkennt auf einen Blick, was die Person darf.
Gültigkeit, Verlängerung und die Neufassung 2026
Die Schweißerprüfung nach EN ISO 9606-1 ist bis zu drei Jahre gültig. Voraussetzung ist, dass die Schweißaufsichtsperson alle sechs Monate schriftlich bestätigt, dass der Schweißer im Geltungsbereich seiner Prüfung tätig war und seine Fertigkeiten nicht in Zweifel stehen. Fehlt diese Bestätigung, erlischt die Gültigkeit. Nach Ablauf der drei Jahre lässt sich die Qualifikation über die in der Norm vorgesehenen Wege verlängern, etwa durch erneute Prüfung oder durch dokumentierte, geprüfte Produktionsnähte. Welcher Weg zulässig ist, hängt von der Anwendungsnorm ab (Stand 2026, im Einzelfall prüfen).
Wichtig für die Planung: Die Normenreihe wird derzeit grundlegend überarbeitet. Die bisherigen fünf Teile sollen in einer einzigen Norm zusammengeführt werden („aus 5 wird 1"), mit neu strukturierten Werkstoffgruppen-Bezeichnungen (etwa FE1-FE5 für Stahl), vereinheitlichten Geltungsbereichen und der Aufnahme weiterer Prozesse wie des Laserstrahlschweißens. Die Veröffentlichung bei der ISO ist für 2026 vorgesehen, die deutsche Fassung wird zum Jahreswechsel 2026/2027 erwartet (Stand 2026, im Einzelfall prüfen). Bestehende Bescheinigungen behalten ihre Gültigkeit; bei Neuprüfungen lohnt es sich aber, den Übergang im Blick zu behalten.
Häufige Fragen
Was ist der Unterschied zur Schweißverfahrensprüfung?
Die Schweißerprüfung nach EN ISO 9606 qualifiziert die Person, die Verfahrensprüfung nach EN ISO 15614 das Verfahren. Beide sind nötig: Die Verfahrensprüfung weist nach, dass die festgelegten Parameter die geforderten Eigenschaften erreichen, die Schweißerprüfung, dass der Mensch diese Naht handwerklich auch ausführen kann.
Deckt eine Prüfung am Rohr auch Blech ab?
In der Regel ja. Eine bestandene Rohrprüfung schließt vergleichbare Blechanwendungen üblicherweise mit ein, weil das Schweißen am Rohr als anspruchsvoller gilt. Umgekehrt deckt eine Blechprüfung das Rohr nicht automatisch ab. Maßgeblich sind die Geltungsbereichstabellen der Norm.
Wer darf die Schweißerprüfung abnehmen?
Die Prüfung wird von einer Prüfstelle oder einem benannten Prüfer abgenommen, in regulierten Bereichen oft durch eine anerkannte unabhängige Stelle. Im Druckgerätebereich kann zusätzlich die Beteiligung einer benannten Stelle gefordert sein. Wer abnahmeberechtigt ist, hängt von der Anwendungsnorm und der Beanspruchung des Bauteils ab.
Reicht eine Schweißerprüfung für die ganze Anlage?
Nur, wenn alle Nähte innerhalb des geprüften Geltungsbereichs liegen. Andere Prozesse, Werkstoffgruppen, Positionen oder Abmessungen außerhalb des Bereichs erfordern weitere Prüfungen. In der Praxis verfügen Betriebe deshalb über mehrere Prüfungen je Schweißer, abgestimmt auf das typische Bauteilspektrum.