Eine Schweißnaht ist nur so belastbar wie ihr Nachweis, spätestens bei der Abnahme, im Schadensfall oder bei einem Audit zählt, was dokumentiert ist. Dieser Beitrag erklärt die zentralen Begriffe der Schweißnaht-Dokumentation, WPS, pWPS, WPQR und die Normenreihe ISO 3834, so, dass Sie als Auftraggeber die Anforderungen einordnen können. Fachlich sauber, ohne Norm-Kauderwelsch.
Warum Schweißnaht-Dokumentation überhaupt?
Eine fertige Schweißnaht lässt sich von außen nur begrenzt beurteilen. Ob das Gefüge stimmt, ob die Wurzel durchgeschweißt ist und ob die mechanischen Eigenschaften erreicht werden, sieht man der Oberfläche nicht an. Genau deshalb steht hinter einer fachgerechten Naht ein System aus qualifiziertem Verfahren, geprüftem Schweißer und nachvollziehbarer Dokumentation. Die Papiere sind kein Selbstzweck, sie sind der Nachweis, dass die Naht unter beherrschten Bedingungen entstanden ist.
In der Praxis erfüllt die Dokumentation vier Aufgaben:
- Rückverfolgbarkeit: Welcher Schweißer, welches Verfahren, welcher Werkstoff und welche Charge stecken in einer Naht?
- Qualitätsnachweis: Beleg, dass das eingesetzte Verfahren die geforderten Eigenschaften reproduzierbar erreicht.
- Rechts- und Haftungssicherheit: Im Streitfall entscheidet die lückenlose Dokumentation, nicht die Erinnerung.
- Normkonformität: In regulierten Bereichen, Stahlbau, Druckgeräte, Pharma, Verfahrenstechnik, ist die Dokumentation Pflicht, nicht Kür.
Gerade im industriellen Rohrleitungsbau, wo Leitungen über Jahrzehnte Prozessmedien und Druck führen, ist die Dokumentation Teil der Lieferleistung, nicht ein Anhang, den man nachreicht.
ISO 3834: der Rahmen für die Schweißqualität
Die Normenreihe DIN EN ISO 3834 trägt den Titel „Qualitätsanforderungen für das Schmelzschweißen von metallischen Werkstoffen". Wichtig zum Verständnis: Sie bewertet nicht die einzelne Naht, sondern den Betrieb und seine Prozesse. Sie beantwortet die Frage, ob ein Hersteller seine Schweißfertigung so organisiert hat, dass gleichbleibende Qualität entstehen kann, von der Werkstofflagerung über die Schweißaufsicht bis zur Prüfmittelüberwachung.
Die Reihe ist gestaft. Drei Teile beschreiben unterschiedlich strenge Anforderungsstufen, die sich nach der Beanspruchung und dem Risiko des Bauteils richten:
| Norm-Teil | Anforderungsstufe | Typische Anwendung |
|---|---|---|
| ISO 3834-2 | Umfassende Qualitätsanforderungen | Sicherheitsrelevante Bauteile, Druckgeräte, hohe Beanspruchung |
| ISO 3834-3 | Standard-Qualitätsanforderungen | Mittleres Anforderungsniveau |
| ISO 3834-4 | Elementare Qualitätsanforderungen | Einfache, gering beanspruchte Bauteile |
Ergänzt werden diese Stufen durch die übrigen Teile der Reihe: Teil 1 hilft bei der Auswahl der passenden Stufe, Teil 5 listet die Normen und Dokumente, deren Anforderungen einzuhalten sind, und Teil 6 gibt einen Leitfaden zur Einführung. Die Teile 2 bis 4 wurden zuletzt 2021 überarbeitet; dabei kamen unter anderem Festlegungen zur Kalibrierung und Validierung von Mess- und Prüfmitteln hinzu (Stand 2026, im Einzelfall die gültige Ausgabe prüfen).
WPS, pWPS und WPQR: die drei Kerndokumente
Im Zentrum der Schweißnaht-Dokumentation stehen drei Dokumente, die oft verwechselt werden, aber klar getrennte Aufgaben haben.
- pWPS (vorläufige Schweißanweisung): der Entwurf. Hier werden alle geplanten Parameter festgelegt, bevor das Verfahren überhaupt geprüft ist. Die pWPS ist die Grundlage für die anschließende Verfahrensprüfung.
- WPQR (Schweißverfahrensprüfung): der Nachweis. Das Verfahren wird unter definierten Bedingungen verschweißt und geprüft, mechanisch-technologisch und zerstörungsfrei. Das Ergebnis hält die WPQR fest. Geregelt ist die Prüfung in der EN ISO 15614 (Teil 1 für Lichtbogen- und Gasschweißen von Stählen und Nickel, Ausgabe 2020, Stand 2026, im Einzelfall prüfen).
- WPS (Schweißanweisung): die freigegebene Arbeitsanweisung für den Schweißer. Inhalt und Aufbau richten sich nach der EN ISO 15609-1.
Der Ablauf ist eine klare Kette: pWPS → Verfahrensprüfung → WPQR → freigegebene WPS. Erst die bestandene Prüfung macht aus dem Entwurf eine gültige Arbeitsanweisung.
| Merkmal | WPS (Schweißanweisung) | WPQR (Verfahrensprüfung) |
|---|---|---|
| Zweck | Arbeitsanweisung für den Schweißer | Nachweis, dass das Verfahren funktioniert |
| Norm | EN ISO 15609-1 | EN ISO 15614 |
| Inhalt | Soll-Parameter für die Ausführung | Prüfergebnisse und Geltungsbereich |
| Status | für die Fertigung freigegeben | qualifiziert das Verfahren |
Eine vollständige WPS beschreibt unter anderem das Schweißverfahren (Ordnungsnummer nach ISO 4063, z. B. 141 für WIG), die Werkstoffgruppe (nach ISO/TR 15608), Schweißzusatz und Schutzgas, die Schweißposition (nach ISO 6947), Nahtform und Fugenvorbereitung, die elektrischen Parameter sowie Wärmeführung (Vorwärm- und Zwischenlagentemperatur, Streckenenergie) und eine eventuelle Nachbehandlung.
Wie ein Schweißverfahren qualifiziert wird
Die Verfahrensprüfung nach EN ISO 15614 ist der bekannteste, aber nicht der einzige Weg, eine WPS zu qualifizieren. Welcher Weg zulässig ist, hängt von der Anwendungsnorm, der Beanspruchung und dem Werkstoff ab:
- EN ISO 15614, Verfahrensprüfung: das Standardverfahren mit breitem Geltungsbereich; ein Prüfstück wird verschweißt und umfassend geprüft.
- EN ISO 15612, Standardschweißverfahren (SWPS): Übernahme eines geprüften Standardverfahrens unter festgelegten Bedingungen.
- EN ISO 15610, geprüfte Schweißzusätze: Qualifikation über geprüfte, vollmechanisierte Schweißzusätze.
- EN ISO 15611, vorliegende Erfahrung: Anerkennung auf Basis nachgewiesener, dokumentierter schweißtechnischer Erfahrung.
- EN ISO 15613, vorgezogene Arbeitsprüfung: Prüfung an einem produktionsnahen Musterstück, wenn das genormte Prüfstück nicht repräsentativ ist.
Entscheidend ist in jedem Fall der Geltungsbereich: Eine Qualifikation gilt nur innerhalb definierter Grenzen, etwa Werkstoffgruppe, Wanddicken- und Durchmesserbereich, Schweißposition und Nahtart. Außerhalb dieser Grenzen ist eine erneute oder ergänzende Qualifikation nötig. Zur Übertragbarkeit von Standardschweißverfahren liefert das DVS-Merkblatt 0701 praxisnahe Hinweise (Neuausgabe mit Stand März 2025).
Im Druckgerätebereich kommt eine Besonderheit hinzu: Nach der Druckgeräterichtlinie 2014/68/EU müssen Verfahren und Personal bei vielen Bauteilen von einer benannten Stelle oder anerkannten unabhängigen Prüfstelle anerkannt werden. Was zulässig ist, gehört vor Projektstart geklärt.
Das Zusammenspiel: Schweißer, Aufsicht und Anwendungsnormen
Eine qualifizierte WPS allein macht noch keine dokumentierte Naht. Erst das Zusammenspiel mehrerer Nachweise ergibt ein belastbares Dokumentationspaket:
- Schweißerprüfung nach EN ISO 9606-1: Der Mensch an der Naht muss nachweislich qualifiziert sein, mit eigenem Geltungsbereich und begrenzter Gültigkeit.
- Schweißaufsicht nach EN ISO 14731: Eine verantwortliche Schweißaufsicht plant, überwacht und gibt frei. Sie wird von Anwendungsnormen wie EN 1090, ISO 3834, EN 15085 und DIN 2303 gefordert.
- Werkstoffnachweise: Abnahmeprüfzeugnisse (z. B. 3.1 nach EN 10204) sichern die Rückverfolgbarkeit von Grund- und Zusatzwerkstoff.
- Prüfberichte: Ergebnisse der zerstörungsfreien Prüfung (ZfP), Sichtprüfung und, im Rohrleitungsbau, der Druck- und Dichtheitsprüfung.
Den Rahmen darüber spannen die Anwendungsnormen: Im Stahlbau verlangt die EN 1090 ab Ausführungsklasse EXC2 qualifizierte Schweißer und Verfahren und bindet die ISO 3834 ein; im Druckgerätebau gilt die Druckgeräterichtlinie. Für den Prozess-Rohrleitungsbau bedeutet das konkret: Eine sauber dokumentierte Leitung kombiniert qualifiziertes Verfahren (WPQR/WPS), einen geprüften WIG-Schweißer, Werkstoffzeugnisse und das Protokoll der Druckprüfung, ein Paket, das auch ein Audit übersteht.
Häufige Fragen
Was ist der Unterschied zwischen WPS und WPQR?
Die WPS (Schweißanweisung) ist die Arbeitsanweisung für den Schweißer mit allen Soll-Parametern. Die WPQR (Schweißverfahrensprüfung) ist der Nachweis, dass genau dieses Verfahren unter Prüfbedingungen die geforderten Eigenschaften erreicht. Vereinfacht: Die WPQR begründet, die WPS weist an.
Brauche ich für jede Naht eine eigene WPS?
Nein. Eine qualifizierte WPS deckt einen definierten Geltungsbereich ab, etwa eine Werkstoffgruppe, einen Wanddicken- und Durchmesserbereich sowie bestimmte Schweißpositionen. Innerhalb dieses Bereichs gilt sie für alle entsprechenden Nähte. Erst außerhalb des Geltungsbereichs ist eine weitere Qualifikation nötig.
Ist ISO 3834 gesetzlich vorgeschrieben?
ISO 3834 ist eine Qualitätsnorm, kein Gesetz. Sie wird aber von übergeordneten Anwendungsnormen verlangt, etwa von der EN 1090 im Stahlbau, und ist in diesen Bereichen faktisch Voraussetzung. Welche Stufe (2, 3 oder 4) gilt, richtet sich nach der Beanspruchung des Bauteils.
Wie lange muss die Dokumentation aufbewahrt werden?
Das hängt von Branche, Vertrag und Anwendungsnorm ab und ist im Einzelfall zu prüfen (Stand 2026). In regulierten Bereichen wie Druckgeräten oder Pharma sind mehrjährige bis langfristige Aufbewahrungsfristen üblich. Klären Sie die Anforderung am besten vor Projektstart vertraglich.