Wann ist eine Schweißnaht gut genug? Die Antwort liefert nicht das Bauchgefühl, sondern eine Norm: Die DIN EN ISO 5817 legt fest, welche Unregelmäßigkeiten an einer Naht in welchem Maß zulässig sind. Dieser Ratgeber erklärt die Schweißnahtgüte nach ISO 5817, die drei Bewertungsgruppen B, C und D sowie ihre Verbindung zu den Ausführungsklassen im Stahlbau.
Was die ISO 5817 regelt
Die DIN EN ISO 5817 in der aktuellen Fassung von 2023 legt Bewertungsgruppen für Unregelmäßigkeiten an Schmelzschweißverbindungen fest (Stand 2026, im Einzelfall prüfen). Ihr Anwendungsbereich ist klar abgegrenzt:
- Sie gilt für Stahl, Nickel, Titan und deren Legierungen.
- Sie betrifft voll durchgeschweißte Stumpfnähte und alle Arten von Kehlnähten.
- Sie gilt für Werkstückdicken größer 0,5 mm.
- Sie umfasst manuelles, mechanisiertes und automatisches Schweißen.
Nicht abgedeckt ist das Strahlschweißen, etwa mit Laser oder Elektronenstrahl, dafür gelten eigene Normen. Wichtig ist auch, was die Norm nicht tut: Sie wählt die Güte nicht selbst aus. Welche Bewertungsgruppe gilt, bestimmt die Anwendung, das übergeordnete Regelwerk oder die Konstruktionsvorgabe. Festgehalten wird das in Zeichnung und Schweißanweisung.
Die drei Bewertungsgruppen B, C und D
Die Norm kennt drei Bewertungsgruppen, gekennzeichnet durch die Buchstaben B, C und D. Sie legen fest, wie streng die Naht beurteilt wird. Eine einfache Merkregel: B ist am anspruchsvollsten, D am tolerantesten.
| Bewertungsgruppe | Anforderung | Typische Anwendung |
|---|---|---|
| B | hoch, kleinste zulässige Unregelmäßigkeiten | dynamisch und hoch belastete, sicherheitskritische Bauteile |
| C | mittel | allgemeiner Stahl- und Maschinenbau mit relevanter Beanspruchung |
| D | niedrig, größere Abweichungen zulässig | statisch gering belastete, unkritische Bauteile |
Je höher die Anforderung, desto enger die Toleranzen und desto höher der Aufwand für Ausführung und Prüfung. Bewertungsgruppe B ist daher nicht automatisch die beste Wahl, sondern nur dort sinnvoll, wo Belastung und Sicherheitsanspruch es verlangen. Eine zu hoch gewählte Güte erzeugt unnötige Kosten, eine zu niedrige gefährdet die Bauteilsicherheit.
Welche Unregelmäßigkeiten bewertet werden
Die ISO 5817 listet rund 50 Arten von Unregelmäßigkeiten und ordnet jeder für die drei Gruppen Grenzwerte zu. Grob lassen sich drei Kategorien unterscheiden:
- Äußere Unregelmäßigkeiten: Risse, Einbrandkerben, Überlappungen, offene Endkraterlunker und sichtbare Poren
- Innere Unregelmäßigkeiten: Poren, feste Einschlüsse, Bindefehler und ungenügende Durchschweißung
- Form- und Maßabweichungen: Nahtüberhöhung, Kantenversatz sowie Abweichungen an Nahtdicke und Nahtform
Einige Befunde sind grundsätzlich nicht zulässig, und zwar in keiner Bewertungsgruppe. Dazu zählen Risse, Bindefehler und mangelnde Durchschweißung. Andere Unregelmäßigkeiten werden mit steigender Güte enger begrenzt: Bei gleichmäßig verteilter Porosität liegt die zulässige projizierte Fläche je nach Gruppe in der Größenordnung von etwa 2 % bei B, 4 % bei C und 8 % bei D (Stand 2026, im Einzelfall prüfen).
Hier ist eine begriffliche Unterscheidung wichtig: Jede Abweichung ist zunächst eine Unregelmäßigkeit. Zum Fehler wird sie erst, wenn sie den Grenzwert der festgelegten Bewertungsgruppe überschreitet. Ohne festgelegte Güte lässt sich eine Naht also gar nicht abschließend beurteilen.
Bewertungsgruppe und Ausführungsklasse: die Brücke zu EN 1090
Im Stahlbau wird die Bewertungsgruppe meist nicht frei gewählt, sondern über die Ausführungsklasse (Execution Class, EXC) der EN 1090-2 vorgegeben. Die Ausführungsklasse richtet sich nach Schadensfolge, Beanspruchung und Herstellungsrisiko und reicht von EXC1 bis EXC4. Sie gibt die zugehörige Bewertungsgruppe nach ISO 5817 vor (Stand 2026, im Einzelfall prüfen):
| Ausführungsklasse | Bewertungsgruppe nach ISO 5817 | Charakter |
|---|---|---|
| EXC1 | D | gering belastet, einfache Bauteile |
| EXC2 | C | üblicher Hoch- und Stahlbau |
| EXC3 | B | höher belastet, größere Schadensfolge |
| EXC4 | B mit Zusatzanforderungen | außergewöhnliche Schadensfolge |
Für EXC2 gilt überwiegend Gruppe C, mit einzelnen Ausnahmen für bestimmte Unregelmäßigkeiten. Die Ausführungsklasse bestimmt außerdem den Prüfumfang: Neben der durchgängigen Sichtprüfung ist je nach Klasse ein bestimmter Anteil zerstörungsfreier Prüfung gefordert. Die genaue Zuordnung und der jeweilige Prüfumfang sind dem aktuellen Normtext zu entnehmen.
Von der Norm zur Praxis: festlegen, prüfen, dokumentieren
Damit die Schweißnahtgüte nach ISO 5817 ihren Zweck erfüllt, muss sie früh festgelegt und durchgängig nachgehalten werden:
- Festlegen: Die Bewertungsgruppe gehört in Zeichnung und Schweißanweisung (WPS), idealerweise schon in der Angebots- und Planungsphase.
- Prüfen: Grundlage ist die Sichtprüfung nach den einschlägigen Normen, ergänzt um zerstörungsfreie Verfahren wie Durchstrahlungs- oder Ultraschallprüfung im geforderten Umfang.
- Dokumentieren: Die Bewertung gehört in die Schweißdokumentation und ist Teil eines geordneten Qualitätsmanagements für das Schweißen.
So wird aus einer abstrakten Buchstabenangabe ein nachvollziehbares Qualitätsmerkmal. Im industriellen Rohrleitungsbau verknüpfen wir die passende Bewertungsgruppe mit qualifizierten Verfahren und sauberer Prüfung, damit Festlegung, Ausführung und Nachweis zusammenpassen.
Häufige Fragen
Was bedeuten die Bewertungsgruppen B, C und D?
B, C und D sind drei Güteniveaus für Schweißnähte nach ISO 5817. B stellt die höchsten Anforderungen mit den kleinsten zulässigen Unregelmäßigkeiten, C liegt im mittleren Bereich, D lässt die größten Abweichungen zu. B ist am schwierigsten zu erreichen und entsprechend aufwendig.
Ist Bewertungsgruppe B immer die beste Wahl?
Nein. Die richtige Bewertungsgruppe richtet sich nach Belastung und Schadensfolge des Bauteils. Eine unnötig hohe Güte verursacht zusätzlichen Aufwand und Kosten, ohne einen Sicherheitsgewinn zu bringen. Für viele Anwendungen ist Gruppe C die wirtschaftlich und technisch passende Lösung.
Wie hängt ISO 5817 mit EN 1090 zusammen?
Die EN 1090-2 ordnet jeder Ausführungsklasse eine Bewertungsgruppe nach ISO 5817 zu: vereinfacht EXC1 zu D, EXC2 zu C und EXC3 zu B, EXC4 verlangt B mit Zusatzanforderungen (Stand 2026, im Einzelfall prüfen). Damit übersetzt sie die Anforderung an das Tragwerk in eine konkrete Schweißnahtgüte.
Wann ist eine Unregelmäßigkeit ein Fehler?
Eine Unregelmäßigkeit wird erst dann zum Fehler, wenn sie den Grenzwert der festgelegten Bewertungsgruppe überschreitet. Dieselbe Pore kann in Gruppe D zulässig und in Gruppe B unzulässig sein. Deshalb muss die Güte vor der Bewertung feststehen.